Einsamkeit am Arbeitsplatz: Warum Teams sich trotz Dauerkontakt fremd sind
Teams sind heute dauerhaft digital verbunden, und doch fühlen sich viele Beschäftigte bei der Arbeit einsam. Einsamkeit am Arbeitsplatz steht in Zusammenhang mit Leistung, Bindung und Gesundheit und wird von der Teamkultur mitgeprägt. Warum häufiger Kontakt keine Verbindung ersetzt, woran sich Einsamkeit im Team zeigen kann und welche Ansätze Teams und Führungskräften offenstehen.
Ein gewöhnlicher Arbeitstag: Dutzende Nachrichten im Teamchat, mehrere Videocalls, Kommentare in gemeinsamen Dokumenten. Der Austausch ist dicht, und doch bleibt am Ende des Tages oft wenig echtes Gespräch. Man weiss, woran die Kolleginnen arbeiten, aber kaum, wie es ihnen geht.
Diese Form von Einsamkeit unterscheidet sich von der Isolation im leeren Büro. Sie entsteht mitten im ständigen Kontakt.
Wie verbreitet Einsamkeit bei der Arbeit ist
Im Bericht «State of the Global Workplace 2024» des Meinungsforschungsinstituts Gallup gaben 20 Prozent der Beschäftigten weltweit an, am Vortag viel Einsamkeit erlebt zu haben. Es handelt sich um eine Selbstauskunft zu einem einzelnen Tag; sie sagt nichts über die Ursachen aus. Sie zeigt aber, dass Einsamkeit kein Randphänomen ist.
Einsamkeit ist nicht dasselbe wie Alleinsein. Die Psychologie versteht darunter das belastende Erleben, dass die eigenen Beziehungen in Zahl oder Qualität nicht dem entsprechen, was man braucht. Man kann allein sein, ohne sich einsam zu fühlen, und sich unter vielen Menschen einsam fühlen. Mehr dazu unter Alleinsein und Einsamkeit.
Warum häufiger Kontakt nicht dasselbe ist wie Verbindung
Digitale Arbeitswerkzeuge transportieren Informationen effizient. Für den Aufbau von Beziehungen sind sie weniger geeignet.
Kommunikation wird funktional.
Im Chat geht es um Aufgaben, Termine und Dokumente. Die beiläufigen Momente, in denen Vertrauen entsteht, etwa das Gespräch nach einer Sitzung oder im Flur, fallen in digitalen Abläufen oft weg.
Verfügbarkeit ersetzt Präsenz.
Ein Online-Status zeigt an, dass jemand erreichbar ist, nicht, ob jemand ansprechbar ist. Ständige Erreichbarkeit kann ein Gefühl von Gemeinsamkeit erzeugen, ohne dass Gemeinsamkeit entsteht. Mehr dazu unter Digitale Einsamkeit.
Zeitdruck verdrängt Gespräche.
Bei vollen Kalendern wirkt jedes persönliche Gespräch wie ein Aufwand, den man sich nicht leisten kann.
Wenig Raum für Belastung.
In Teams, in denen vor allem Leistung sichtbar sein soll, wird Überforderung selten angesprochen. Die damit verbundene Scham kann Einsamkeit verstärken, ein Zusammenhang, den ich unter Scham und Einsamkeit beschreibe.
Folgen für Leistung und Bindung
Hakan Ozcelik und Sigal G. Barsade untersuchten 2018 im Academy of Management Journal 672 Mitarbeitende in 143 Arbeitsgruppen zweier Organisationen. Mitarbeitende, die sich bei der Arbeit einsamer fühlten, wurden von ihren Vorgesetzten schlechter beurteilt. Sie wirkten auf Kolleginnen und Kollegen weniger zugänglich und fühlten sich der Organisation weniger verbunden.
Aufschlussreich ist die Rolle der Teamkultur. In Gruppen mit einer ausgeprägt fürsorglichen Kultur war der Zusammenhang zwischen Einsamkeit und geringerer Bindung schwächer, in Gruppen mit einer von Ärger geprägten Kultur stärker. Einsamkeit ist damit nicht allein eine persönliche Angelegenheit; das Umfeld beeinflusst, wie stark sie sich auswirkt. Die Studie zeigt Zusammenhänge, keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen.
Auch gesundheitlich ist das Thema relevant. Der oberste Gesundheitsbeamte der USA, Surgeon General Vivek H. Murthy, stufte Einsamkeit 2023 in einem Bericht als Problem der öffentlichen Gesundheit ein und verwies auf Zusammenhänge mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depression und Angststörungen.
Mögliche Anzeichen im Team
Einsamkeit zeigt sich selten direkt. Hinweise können sein:
Rückzug aus informellen Treffen.
Dauerhaft ausgeschaltete Kamera, wo sie früher eingeschaltet war.
Knappere, rein sachliche Beiträge.
Viel Arbeit, aber kaum Zusammenarbeit.
Neue Mitarbeitende, die auch nach Monaten wenig Anschluss gefunden haben.
Keines dieser Zeichen ist eindeutig. Sie können aber Anlass für ein persönliches Gespräch sein, nicht im Plenum, sondern unter vier Augen.
Ansätze für Teams und Führung
1. Raum für Begegnung ohne Traktanden.
Gemeinsame Mittagessen, ein Spaziergang oder einige Minuten zu Beginn einer Sitzung, die nicht der Arbeit gewidmet sind. Beziehungen entstehen kaum, wenn jeder Termin durchgetaktet ist.
2. Genauer nachfragen.
Statt «Alles gut?» eher «Was beschäftigt dich zurzeit?». Und bereit sein, auch eine andere Antwort als «gut» zu hören.
3. Kanäle bewusst wählen.
Ein kurzes Telefonat kann mehr klären als zehn Chatnachrichten, ein Gespräch vor Ort mehr als ein Videocall. Wie sich Kommunikationsregeln im Team vereinbaren lassen, steht unter Erreichbarkeit im Team regeln.
4. Neue Mitarbeitende gezielt einbinden.
Eine Gotte oder ein Götti für die ersten Monate, Treffen mit verschiedenen Teammitgliedern und ausdrückliche Einladungen. Besonders wer remote beginnt, findet nicht von selbst Anschluss.
5. Offenheit vorleben.
Führungskräfte, die eigene Belastungen in angemessenem Mass ansprechen, erleichtern es anderen, ehrlich zu sein. Das ist eine Grundlage psychologischer Sicherheit.
6. Unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen.
Nicht alle erleben grosse Teamanlässe als verbindend. Für introvertierte oder neurodivergente Menschen sind ruhige Gespräche zu zweit oft die geeignetere Form.
Einen Überblick zum Thema bietet der Text Einsamkeit.
Wie Organisationen mentale Gesundheit strukturell stärken können, beschreibe ich unter Mentale Gesundheit am Arbeitsplatz.
Verbundenheit in Ihrem Team stärken? Anna Miller spricht und arbeitet mit Unternehmen zu Einsamkeit, Verbundenheit und digitaler Kultur, wissenschaftlich fundiert, persönlich und auf den Punkt. Anfragen
Häufige Fragen
Kann man sich bei der Arbeit einsam fühlen, obwohl man viele Kontakte hat?
Ja. Einsamkeit hängt weniger von der Zahl der Kontakte ab als von ihrer Qualität. Wer mit vielen Menschen zu tun hat, aber mit niemandem offen sprechen kann, kann sich deutlich einsam fühlen.
Sind Menschen im Homeoffice einsamer?
Nicht zwangsläufig. Homeoffice kann Einsamkeit verstärken, wenn informelle Kontakte vollständig wegfallen. Es kann aber auch entlasten und Energie für bewusst gestaltete Begegnungen freisetzen. Entscheidend ist, ob ein Team Verbindung aktiv gestaltet.
Ist Einsamkeit am Arbeitsplatz Sache des Unternehmens?
Teilweise. Die Forschung deutet darauf hin, dass Teamkultur und Führung beeinflussen, wie stark sich Einsamkeit auf Leistung und Bindung auswirkt. Unternehmen können Einsamkeit nicht beseitigen, aber Bedingungen schaffen, unter denen Beziehungen leichter entstehen.
Was kann ich tun, wenn ich mich im Team einsam fühle?
Mit kleinen Schritten beginnen: eine Kollegin zu einem Kaffee einladen, im nächsten Gespräch genauer nachfragen, etwas von sich erzählen, das nicht mit der Arbeit zu tun hat. Häufig geht es anderen ähnlich. Weitere Anregungen finden sich unter Freunde finden als Erwachsene.
Quellen: Gallup, «State of the Global Workplace: 2024 Report», 2024. · Hakan Ozcelik & Sigal G. Barsade, «No Employee an Island: Workplace Loneliness and Job Performance», Academy of Management Journal, 2018. · Office of the U.S. Surgeon General, «Our Epidemic of Loneliness and Isolation», 2023.
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