top of page

Fremd im eigenen Leben: Du bist nicht krank, du bist entwurzelt

Man kann sein eigenes Leben von aussen betrachten wie eine Wohnung, in der jemand anderes wohnt. Wer das googelt, landet sofort bei Krankheitsbildern – dabei ist die häufigste Ursache viel banaler und viel veränderbarer. Woher das Gefühl kommt, warum Entwurzelung keine Diagnose ist, woran du den Unterschied erkennst und was zurück ins eigene Leben führt.

Es ist alles da. Die Wohnung, der Job, die Menschen, der Kalender. Von aussen sieht dein Leben vollständig aus, und wenn dich jemand fragt, kannst du nichts nennen, was fehlt. Und trotzdem hast du das Gefühl, es gehöre jemand anderem.

Du funktionierst darin. Du machst das Richtige. Aber es fühlt sich an, als würdest du dabei zusehen.

Wer das nachts googelt, landet innerhalb von zwei Klicks bei Depersonalisation. Das ist ein echtes Krankheitsbild, und für manche Menschen ist es die richtige Erklärung. Für die meisten ist es das nicht.

Der häufigste Grund ist kein medizinischer

Ein Leben fühlt sich nicht deshalb wie das eigene an, weil man darin die richtigen Dinge tut. Sondern weil man darin verwurzelt ist: Menschen, die einen über Jahre kennen. Orte mit Erinnerungen. Rollen, die man sich nicht ausgesucht hat und die trotzdem passen. Tätigkeiten, die man nicht rechtfertigen muss.

Wenn diese Wurzeln dünn werden, entsteht genau dieses Gefühl. Nicht Krankheit. Entwurzelung.

Dass Zugehörigkeit kein Luxus ist, sondern ein Grundbedürfnis, gilt in der Psychologie seit über drei Jahrzehnten als belegt. Roy Baumeister und Mark Leary fassten 1995 im «Psychological Bulletin» unter dem Titel «The Need to Belong» die Forschungslage zusammen: Das Bedürfnis nach stabilen, wohlwollenden Beziehungen ist so grundlegend wie Hunger. Wird es nicht erfüllt, reagiert der Mensch – mit Rückzug, mit Erschöpfung, mit genau diesem Gefühl von Fremdheit.

Und Wurzeln werden heute ständig dünn. Wir ziehen um, wechseln Jobs, wechseln Kreise, verlassen Beziehungen, beginnen neu. Jeder dieser Schritte ist für sich richtig. In der Summe führen sie dazu, dass viele Menschen ein Leben führen, in dem niemand sie länger als drei Jahre kennt.

Woran du merkst, dass es Entwurzelung ist

Es spricht für Entwurzelung, wenn:

  • es zeitlich mit einem Umbruch zusammenfällt – Umzug, Trennung, Jobwechsel, Elternschaft

  • es in vertrauter Umgebung nachlässt, etwa bei alten Freunden oder am Herkunftsort

  • du dich selbst gut spürst, sobald dich jemand wirklich meint

  • es sich eher nach Leere anfühlt als nach Unwirklichkeit

Es spricht für etwas Behandlungsbedürftiges, wenn:

  • dein Körper sich fremd anfühlt, nicht nur dein Leben

  • die Umgebung unwirklich wirkt, wie hinter Glas oder wie eine Kulisse

  • der Zustand unabhängig von Umständen auftritt und anhält

  • Angst, starker Stress oder eine belastende Erfahrung vorausgingen

Ich bin Journalistin, keine Psychologin. Wenn du dich in der zweiten Liste wiedererkennst, sprich mit einer Fachärztin oder Psychotherapeutin. Das ist keine Formalität, sondern der richtige Weg.

Warum das Gefühl in einem vollen Leben stärker wird

Das Paradoxe: Es trifft selten Menschen, die zu wenig tun. Es trifft die, die zu viel funktionieren.

Wer permanent leistet, ist ständig in einer Rolle. Und je länger man in Rollen lebt – die Zuverlässige, die Starke, die, die das schon regelt –, desto weniger Gelegenheiten gibt es, in denen jemand die Person dahinter trifft. Irgendwann kennt niemand mehr die Person dahinter. Nicht einmal du.

„Doch unter der Oberfläche, abends, allein im Dunkeln, fühlte ich mich trotzdem oft seltsam fremd im eigenen Leben.“ Aus meinem Buch «Daheim», das am 30. Dezember erscheint.

Die MIT-Soziologin Sherry Turkle beschreibt in ihrem Buch «Reclaiming Conversation» (2015) genau diesen Mechanismus: Nicht die fehlende Zeit verdrängt die tiefen Gespräche, sondern die ständige Verfügbarkeit von kleinen, ungefährlichen Kontakten. Man ist dauernd in Verbindung und trotzdem nie länger als drei Minuten wirklich anwesend.

Dazu kommt die permanente Reizzufuhr. Wer nie still ist, begegnet sich selbst nie. Mehr dazu im Text über Alleinsein und Einsamkeit.

Dass das keine Befindlichkeit ist, zeigen die Zahlen. Die Psychologin Julianne Holt-Lunstad wertete 2015 in «Perspectives on Psychological Science» 70 Studien mit rund 3,4 Millionen Menschen aus. Soziale Isolation erhöhte die Sterblichkeit um 29 Prozent, Einsamkeit um 26 Prozent, Alleinleben um 32 Prozent – unabhängig von Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand.

Was zurück ins eigene Leben führt

1. Such nicht das Gefühl, such die Bedingung

Du kannst dich nicht dazu bringen, dich zugehörig zu fühlen. Du kannst aber die Bedingungen herstellen, unter denen das Gefühl von selbst entsteht: dieselben Menschen, wiederholt, über Zeit, in einem Rahmen, in dem du nicht liefern musst.

2. Lass eine Rolle fallen, an einer Stelle

Nicht überall, das wäre zu viel. Einmal. Bei einem Menschen. Sag, wie es dir wirklich geht, ohne die Zusammenfassung, die du sonst gibst. Fremdheit löst sich nicht durch Nachdenken, sondern dadurch, dass jemand dich sieht.

3. Geh zurück in den Körper

Fremdheit ist oft ein Zustand, in dem man nur noch im Kopf lebt. Bewegung, Kälte, Handarbeit, Kochen, Garten, Schwimmen – alles, was dich zwingt, körperlich anwesend zu sein, holt dich zuverlässiger zurück als jede Analyse.

4. Baue eine Spur, die länger ist als du

Etwas, das über Jahre läuft und dich braucht: ein Ehrenamt, ein Chor, ein Projekt, eine Patenschaft, ein Garten. Verwurzelung entsteht nicht durch Gefühle, sondern durch Verpflichtungen, die man freiwillig eingeht.

5. Prüfe, ob es die Umstände sind

Manchmal ist das Fremdsein eine korrekte Wahrnehmung. Wer seit Jahren in einem Leben lebt, das er nicht gewählt hat, fühlt sich zu Recht fremd darin. Dann ist das Gefühl kein Symptom, sondern eine Information. Und die Frage lautet nicht, wie man sie wegbekommt, sondern was sie sagen will. Wenn das Fremdsein mit einem Ortswechsel zu tun hat, hilft der Text über das Ankommen in einer neuen Stadt weiter.

Häufige Fragen

Was bedeutet es, wenn man sich im eigenen Leben fremd fühlt?

Meist bedeutet es, dass die Verwurzelung dünn geworden ist: zu wenige Menschen, die einen lange kennen, zu wenige Orte mit Geschichte, zu viel Zeit in Rollen. Das Gefühl ist dann keine Störung, sondern eine zutreffende Wahrnehmung eines echten Mangels.

Ist sich fehl am Platz fühlen ein Zeichen von Depression?

Nicht automatisch. Entscheidend ist, ob das Gefühl an Situationen gebunden ist und in vertrauter Umgebung nachlässt, oder ob es unabhängig davon anhält und von Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und Freudlosigkeit begleitet wird. Im zweiten Fall gehört es abgeklärt.

Wie finde ich zu mir selbst zurück?

Über Wiederholung und über Verletzlichkeit. Regelmässige Begegnungen mit denselben Menschen, körperliche Anwesenheit statt Dauerreiz, und mindestens ein Mensch, dem gegenüber du keine Rolle spielst. Das klingt unspektakulär und ist genau deshalb wirksam.

Das grössere Bild dazu: Zugehörigkeit: Warum wir sie brauchen und wie sie entsteht

Du willst sehen, welche deiner Wurzeln tragen und welche dünn geworden sind? Der Daheim-Test nimmt fünf Minuten und zeigt dir acht Bereiche – und die zwei, an denen sich bei dir gerade am meisten bewegen lässt. Er stammt aus meinem Buch «Daheim», das am 30. Dezember erscheint.

Und wenn du tiefer arbeiten willst: In meinem Videokurs «Nähe finden» begleite ich dich in neun Lektionen von der ehrlichen Bestandsaufnahme zurück in Verbundenheit mit dir selbst und anderen.

Quellen: Roy F. Baumeister & Mark R. Leary, «The Need to Belong», Psychological Bulletin, 1995. · Julianne Holt-Lunstad et al., «Loneliness and Social Isolation as Risk Factors for Mortality», Perspectives on Psychological Science, 2015. · Sherry Turkle, «Reclaiming Conversation», Penguin Press, 2015.

​Wenn du dieses Thema vertiefen möchtest

Diese Ressourcen können dich dabei unterstützen, bewusster mit digitalen Reizen umzugehen, mehr Fokus zu finden und dein Nervensystem zu beruhigen:

Ein neunteiliger Video-Kurs für alle, die viel um sich haben und trotzdem spüren, dass etwas fehlt – zurück zu echter Verbindung. 9 Video-Lektionen · 9 Reflexions-PDFs

Anna Miller, Autorin & Expertin für digitale Achtsamkeit

bottom of page