Zuhause ist kein Ort – aber auch kein blosses Gefühl
«Zuhause ist kein Ort, sondern ein Gefühl» steht auf Postkarten und trifft nur die Hälfte. Denn ein Gefühl, das man sich nicht machen kann, ist als Rat wertlos. Was ein Zuhause tatsächlich ausmacht, warum es aus vier ganz konkreten Bestandteilen besteht, weshalb es sich bauen und nicht finden lässt und was das für Menschen bedeutet, die schon oft neu angefangen haben.
«Zuhause ist kein Ort, sondern ein Gefühl.» Der Satz steht auf Postkarten, auf Kissen, in Instagram-Bios. Er ist tröstlich, und er ist zur Hälfte richtig.
Zur anderen Hälfte ist er unbrauchbar. Denn wenn Zuhause ein Gefühl ist und du es nicht hast, was dann? Ein Gefühl kann man sich nicht vornehmen. Man kann sich nicht entscheiden, sich zugehörig zu fühlen, so wie man sich nicht entscheiden kann, verliebt zu sein.
Der Satz wäre nützlicher, wenn er hiesse: Zuhause ist kein Ort. Es ist ein Ergebnis.
Woraus ein Zuhause tatsächlich besteht
Wenn man Menschen fragt, woran sie merken, dass sie zu Hause sind, kommen erstaunlich ähnliche Antworten. Vier Dinge tauchen immer wieder auf, und alle vier sind konkret:
Vertrautheit
Du weisst, wie die Dinge hier laufen. Welcher Weg wie lange dauert, wie der Ort im Regen riecht, wo man sonntags Brot bekommt. Vertrautheit entsteht ausschliesslich durch Wiederholung, und deshalb lässt sie sich nicht abkürzen – aber sie lässt sich zuverlässig herstellen.
Gemeintsein
Es gibt mindestens einen Menschen, der merkt, wenn du nicht da bist. Nicht Freundschaft im grossen Sinn – es reicht die Nachbarin, die fragt, ob du krank warst. Ein Zuhause ohne Menschen, die dich vermissen, ist eine Unterkunft.
Wirksamkeit
Du kannst hier etwas verändern. Du bist nicht nur Gast, sondern beteiligt: an einem Verein, einem Projekt, einem Haus, einer Gruppe. Wer nichts mitgestaltet, bleibt Zuschauer, egal wie lange er bleibt.
Geschichte
Es ist hier schon etwas passiert. Ein Sommer, ein Streit, eine Krankheit, ein Fest. Orte werden nicht durch Schönheit zu Zuhause, sondern durch Erinnerungen. Deshalb kann eine hässliche Wohnung Zuhause sein und eine schöne nicht.
Das Gefühl, das die Postkarte meint, ist nicht der Anfang. Es ist das, was entsteht, wenn diese vier Dinge beisammen sind.
Was die Forschung dazu sagt
Dass Zugehörigkeit kein Extra ist, sondern ein Grundbedürfnis, haben die Psychologen Roy Baumeister und Mark Leary bereits 1995 im «Psychological Bulletin» zusammengetragen. Ihr Aufsatz «The Need to Belong» gehört zu den meistzitierten Arbeiten der Sozialpsychologie überhaupt. Ihr Befund: Menschen brauchen nicht viele Kontakte, sondern wenige stabile, in denen sie wohlwollend gemeint sind.
Die Soziologin Rebecca G. Adams von der University of North Carolina at Greensboro hat untersucht, unter welchen Bedingungen aus Bekanntschaft überhaupt Nähe wird. Sie nennt drei: räumliche Nähe, wiederholte und ungeplante Begegnungen – und ein Umfeld, in dem Menschen ihre Deckung fallen lassen. Genau das beschreiben die vier Bausteine oben, nur in anderen Worten.
Warum «Heimat ist da, wo man sich wohlfühlt» in die Irre führt
Wohlfühlen ist ein Zustand. Zuhause ist eine Bindung. Die beiden überschneiden sich, sind aber nicht dasselbe.
In einem Ferienhaus fühlt man sich wohl und ist nicht zu Hause. In der eigenen Wohnung kann man sich elend fühlen und ist es trotzdem. Zuhause ist der Ort, an den du zurückkehrst, auch wenn es dort gerade schwierig ist – nicht der Ort, an dem es immer angenehm ist.
Diese Unterscheidung ist wichtig für alle, die viel unterwegs sind. Wer Zuhause mit Wohlgefühl verwechselt, ist ständig auf der Suche nach dem besseren Ort und baut nirgends etwas auf. Mehr dazu im Text über das Bereuen eines Umzugs.
Was das für Menschen bedeutet, die oft neu anfangen
Wer mobil lebt, sammelt Orte und verliert Tiefe. Das ist keine moralische Aussage, sondern eine mathematische: Vertrautheit, Gemeintsein, Wirksamkeit und Geschichte brauchen alle dasselbe, nämlich Zeit am selben Ort.
Wie viel Zeit, hat der Kommunikationswissenschaftler Jeffrey A. Hall von der University of Kansas 2019 im «Journal of Social and Personal Relationships» beziffert: Rund 50 gemeinsame Stunden braucht es, bis aus einer Bekanntschaft eine lockere Freundschaft wird. Etwa 90 Stunden bis zur richtigen Freundschaft. Und rund 200 Stunden, bis jemand zu den engen Menschen gehört. Das ist keine Metapher, das ist ein Budget.
Das heisst nicht, dass man bleiben muss. Es heisst nur, dass jeder Neuanfang die Uhr zurücksetzt und dass drei Jahre an drei Orten nicht dasselbe sind wie neun Jahre an einem. Wer das weiss, entscheidet anders – nicht unbedingt sesshafter, aber bewusster.
„Ein Umzug verändert die Verortung in Räumen, eine Trennung die Verortung in Menschen, eine Krankheit die Sicherheit in dir selbst, das Älterwerden oft das Daheim jenseits von Menschen.“ Aus meinem Buch «Daheim», das am 30. Dezember erscheint.
Wie man ein Zuhause baut
1. Fang bei der Vertrautheit an
Sie ist die einzige der vier, die du allein herstellen kannst, ohne auf jemanden angewiesen zu sein. Immer derselbe Weg, immer derselbe Markt, immer derselbe Samstagmorgen. Das klingt nach nichts und ist das Fundament.
2. Mach dich sichtbar, nicht interessant
Gemeintsein entsteht nicht dadurch, dass Menschen dich beeindruckend finden, sondern dadurch, dass sie dich wiedererkennen. Immer dieselbe Bäckerei. Immer dasselbe Training. Vier Wochen später grüsst jemand.
3. Übernimm etwas
Wirksamkeit ist die Abkürzung, die es tatsächlich gibt. Wer im Quartier etwas mitorganisiert, im Verein eine Aufgabe hat, im Haus etwas übernimmt, gehört schneller dazu als jemand, der fünf Jahre freundlich grüsst. Verantwortung bindet.
4. Lass Geschichte entstehen
Lade Menschen in deine Wohnung ein, auch wenn sie noch nicht fertig eingerichtet ist. Feiere hier Geburtstag. Sei hier krank und lass dir helfen. Ein Ort, an dem nur du warst, bleibt eine Adresse.
5. Erwarte das Gefühl zuletzt
Es kommt nicht am Anfang und es kommt nicht auf Ansage. Es kommt an einem beliebigen Dienstag, wenn du von irgendwoher zurückkommst und merkst, dass du dich freust. Wer darauf wartet, bevor er anfängt, wartet ewig. Wie lange das dauert, steht im Text über das Ankommen in einer neuen Stadt.
Häufige Fragen
Was macht ein Zuhause aus?
Vier Dinge: Vertrautheit mit dem Ort, mindestens ein Mensch, der dich vermisst, die Möglichkeit, hier etwas zu bewirken, und eine gemeinsame Geschichte mit diesem Ort. Das Gefühl von Zuhause ist das Ergebnis dieser vier, nicht ihre Voraussetzung.
Stimmt es, dass Zuhause kein Ort, sondern ein Gefühl ist?
Nur halb. Das Gefühl ist real, aber es entsteht nicht aus sich selbst, sondern aus sehr konkreten Bedingungen: Wiederholung, Beziehungen, Beteiligung und Erinnerungen. Wer den Satz wörtlich nimmt, wartet auf etwas, das ohne Zutun nicht kommt.
Kann man mehrere Zuhause haben?
Ja, aber nicht beliebig viele. Jedes Zuhause braucht Zeit am Ort, und Zeit ist die einzige Ressource, die sich nicht vermehren lässt. Zwei Orte, an denen man verwurzelt ist, sind realistisch. Fünf sind meistens fünf Adressen.
Du willst wissen, welche dieser Bausteine bei dir schon stehen? Der Daheim-Test nimmt fünf Minuten und zeigt dir acht Bereiche – und die zwei, an denen sich bei dir gerade am meisten bewegen lässt. Er stammt aus meinem Buch «Daheim», das am 30. Dezember erscheint.
Und wenn es beim Gemeintsein hängt: In meinem Videokurs «Nähe finden» begleite ich dich in neun Lektionen zurück in echte Verbindung.
Mehr zum grösseren Zusammenhang: Zugehörigkeit: Warum wir sie brauchen und wie sie entsteht
Quellen: Roy F. Baumeister & Mark R. Leary, «The Need to Belong», Psychological Bulletin, 1995. · Jeffrey A. Hall, «How many hours does it take to make a friend?», Journal of Social and Personal Relationships, 2019. · Rebecca G. Adams, University of North Carolina at Greensboro, Forschung zu Freundschaft im Erwachsenenalter.
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